Dai Zhens (1724-1777) Kommentare zum Buch der Lieder (Shijing)

Name: Eugenia Werzner
Email: eugenia.werzner [at] uni-leipzig.de
Thema: Dai Zhens (1724-1777) Kommentare zum Buch der Lieder (Shijing)
Beschreibung:

Der berühmte qingzeitliche Gelehrte Dai Zhen (1724-1777) lebte in einer geistesgeschichtlich bedeutenden Zeit: Im China des 18. Jahrhunderts bildete sich die so genannte „beweisführende Forschung“ heraus (kaozheng 考證, im Englischen als „evidential research“ bezeichnet), die einen kritischen Umgang mit dem historischen Erben Chinas propagierte. Gemeint war vor allem die Verifizierung – oder die Falsifizierung – der Daten in den Geschichtswerken und den traditionell als unantastbar angesehenen konfuzianischen Klassikern. Die kaozheng-Gelehrten strebten nach Präzision und Überprüfbarkeit der Daten. Dies führte dazu, dass Teilgebiete der Sprachwissenschaft wie Etymologie, Phonologie und Paläographie sowie die exakten Wissenschaften wie Mathematik und Astronomie eine Blütezeit erlebten. Dai Zhen als vielfältiger, sich auf mehreren der genannten Gebiete beschäftigter Gelehrte wird in der Forschungsliteratur meistens als ein Repräsentant der kaozheng-Gelehrsamkeit angesehen.
Dai Zhen hatte umfassendes Wissen, das er sich größtenteils selbst erarbeiten musste, da sich seine Familie, als er noch Kind war, kein Privatunterricht leisten konnte. Sein Alltag wurde auch weiterhin vom finanziellen Not geprägt, weil es ihm nach mehreren Versuchen nicht gelang, bei den hauptstädtischen Prüfungen den höchsten Grad eines jinshi zu erwerben. Das war die einzige Möglichkeit, ins Beamtentum einzusteigen und sich ein festes Einkommen zu sichern. Trotz schwieriger Lebensumstände investierte Dai Zhen viel Zeit und Kraft in sein Selbststudium. Noch vor seinem 27-ten Lebensjahr verfasste er mehrere Schriften, in denen er mathematische, astronomische und sprachwissenschaftliche Probleme behandelte. Er beschränkte sich dennoch nicht auf die Wissenschaftlichkeit der „beweisführenden Forschung“: Während die meisten kaozheng-Gelehrten die Beschäftigung mit den philosophischen Fragen verwarfen, war Dai Zhen dafür bekannt, dass er diesen Fragen nachging. Beispielhaft dafür steht sein letztes Werk, Mengzi ziyi shuzheng 孟子字義疏證. Dies ist wohl sein bekanntestes Werk im Westen, da es ins Englische übersetzt und mit einem längeren Vorwort versehen wurde, in dem von dem Leben und dem Denken Dais berichtet wird. Dai Zhen sah somit keinen Widerspruch zwischen exakter Gelehrsamkeit und Philosophie, so dass die beiden eine große Rolle in seinen Werken spielen.
Als weitere Annäherung an das Denken dieses Gelehrten betrachte ich die Analyse seiner Kommentare zum Buch der Lieder (Shijing), die zeitlich und vermutlich auch inhaltlich weit von einander liegen. Mao Zheng Shi kaozheng 毛鄭詩考證 enthält bereits in seinem Titel das Anliegen seines Verfassers: Es ist das Werk eines kaozheng-Gelehrten, der viel Wert auf die etymologische Analyse legt. Diesen Text könnte man als ein Beispiel der qingzeitlichen Klassikergelehrsamkeit betrachten. Als Produkt seiner Zeit könnte dieser Kommentar einige Aspekte des Umgangs mit den Klassikern in der Qing-Zeit beleuchten und möglicherweise die Frage beantworten, inwiefern die kaozheng-Gelehrsamkeit das Shijing-Studium erneuerte.
Dai Zhens Verhältnis zu den konfuzianischen Schriften war dennoch komplizierter: Auch wenn er versuchte, eine historisch-philologische Arbeit zu leisten, blieb er konfuzianischer Gelehrte, für den die klassischen Schriften mehr waren, als eine rein philologische Herausforderung. Dai Zhen war überzeugt, dass diese Texte, wenn sie richtig gelesen und interpretiert werden, zum Begreifen des „Himmlischen Weges“ (Dao) führen würden. Durch Vergleich der beiden wichtigsten Kommentare Dai Zhens zum Shijing – Mao Zheng Shi kaozheng 毛鄭詩考證 und Gaoxi Shijing buzhu 杲溪詩經補注 möchte ich Gemeinsamkeiten und Unterschiede dieser Texte herausstellen und somit nachzuvollziehen versuchen, wie sich Dais Verständnis der konfuzianischen Schriften im Laufe der Zeit änderte.

Chin, Ann-ping / Freeman, Mansfield (1990), Tai Chen on Mencius: Explorations in Words and Meaning. A Translation of the Meng Tzu tzu-i shu-cheng with a Critical Introduction, New Haven and London: Yale University Press.