Institutsgeschichte der Leipziger Sinologie

Die Universität Leipzig feierte 2009 ihr 600-jähriges Bestehen. Teil dieser traditionsreichen Geschichte ist eine der ältesten sinologischen Forschungs- und Ausbildungsstätten im deutschsprachigen Raum. Im Jahre 1878 wurde in Leipzig die erste sinologische Professur im deutschen Sprachraum eingerichtet. Damals wurde Hans Georg Conon von der Gabelentz (1840-1893) zum außerordentlichen Professor (Extraordinarius) für ostasiatische Sprachen berufen. Die Sinologie in Leipzig hat somit im Vergleich zu allen anderen deutschen Universitäten, an denen das Fach heute vertreten ist, die längste Traditionslinie. Von der Gabelentz ist der Verfasser des 1881 erschienenen Werkes „Chinesische Grammatik mit Ausschluss des niederen Stiles und der Umgangssprache“, welches 1953 und 1960 in unveränderter Neuauflage wieder herausgegeben wurde.
Die Geschichte der Professoren und Dozenten, ihrer Forschung und Lehre in der Zeit von 1878 bis 2009 zeichnete die Entwicklung von einer philologisch und völkerkundlich orientierten Wissenschaft zur heutigen Sinologie nach, die sich zunehmend differenzierter mit der chinesischen Gesellschaft in ihren vielfältigen Erscheinungsformen – wie Sprache, Religion und Philosophie, Geschichte und sozioökonomische Verhältnisse, Politik und Medien – befasst und auch die wichtige Problematik der interkulturellen Kommunikation behandelt. Sie zeigt die enge Verbindung der Sinologie zu anderen Fächern wie Japanologie, Tibetologie, Mongolistik, Völkerkunde oder Religionswissenschaft.

1889-1945
Im Jahre 1889 erfolgte von der Gabelentz’ Berufung nach Berlin. Die Benennung seines Nachfolgers August Conrady (1864-1925) geschah erst 1897. 1922 wurde Conrady zum ordentlichen Professor (Ordinarius) berufen, womit in Leipzig der dritte sinologische Lehrstuhl Deutschlands nach Hamburg (1909) und Berlin (1912) eingerichtet wurde. Das Ostasiatische Seminar der Universität Leipzig war bereits 1914 gegründet worden. Das Verdienst von Conrady bestand vor allem darin, die Sinologie über den sprachlichen Rahmen hinausgehend als eine Wissenschaft von der Kultur der Chinesen aufgefasst und betrieben zu haben. Der berühmte schwedische Asienforscher Sven Hedin vertraute Conrady die Bearbeitung wichtiger Expeditionsfunde an. Außerdem betreute Conrady die Habilitation des bekannten schwedischen Sinologen Bernhard Karlgren (1889-1978).
Erich Haenisch (1860-1966) folgte im Jahre 1925 auf den Leipziger sinologischen Lehrstuhl und wurde bereits 1932 nach Berlin berufen. Als eines seiner bedeutendsten Werke gilt das Lehrbuch „Lehrgang der chinesischen Schriftsprache“, das 1929-1933 erschien und mehrmals neu aufgelegt wurde.
Zwischen 1928 und 1933 wirkte Eduard Erkes (1891-1958) als nichtplanmäßiger außerordentlicher Professor in Leipzig. Nach Errichtung der nationalsozialistischen Herrschaft 1933 erfolgte seine Entlassung aus politischen Gründen. Andre Wedemeyer (1875-1958), seit 1931 nicht-planmäßiger außerordentlicher Professor für Japanologie, wurde 1934 zum planmäßigen außerordentlichen Professor der ostasiatischen Philologie und zum Direktor des Ostasiatischen Seminars berufen. Seine Emeritierung wurde aufgrund der politischen Situation und des Kriegsbeginns 1939 hinausgeschoben, so dass er das Ostasiatische Seminar bis zum Kriegsende leitete. Trotz seines hohen Alters hielt Wedemeyer zahlreiche Veranstaltungen zu japanologischen und sinologischen Themen ab. Der Ausbruch des 2. Weltkrieges am 1. September 1939 beeinträchtigte den Lehr- und Forschungsbetrieb des Ostasiatischen Seminars. Die Anzahl der Studierenden verringerte sich, weil viele von ihnen zur Wehrmacht eingezogen wurden, und der Haushalt des Seminars wurde sehr niedrig gehalten.
In der Nacht vom 3. auf den 4. Dezember 1943 wurden das Ostasiatische Seminar und seine ca. 20,000 Bände umfassende Bibliothek durch alliierte Bombenangriffe zerstört. Daraufhin stellte Wedemeyer aus den erhaltenen Resten seiner privaten Bibliothek und der Seminarbibliothek einen spärlichen Arbeitsapparat zusammen und führte den Unterricht über die ersten schweren Nachkriegsjahre in seiner eigenen Wohnung fort. 1947 wurde er emeritiert und Eduard Erkes zum Direktor des Ostasiatischen Seminars sowie 1948 zum ordentlichen Professor für ostasiatische Philologie berufen. Bei allen wissenschaftlichen Leistungen dürfte eines der größten Verdienste Erkes’ darin bestehen, nach der Katastrophe des 2. Weltkrieges sinologische Lehre und Forschung an der Leipziger Universität neu aufgebaut und damit in der historischen Perspektive bewahrt zu haben.

1945-1984
Der Bestand der ehemals üppigen Seminarbibliothek umfasste aufgrund der Kriegsverluste 1950 nur noch ca. 1.000 chinesischsprachige und etwa 500 europäische Bände. Eduard Erkes trat für eine Erweiterung des Leipziger Ostasiatischen Seminars um verschiedene südost- und ostasiatische Sprachen und Kulturen ein und konnte dies zunächst auch partiell durchführen. Im Jahr 1950 wurde Johannes Schubert mit einem Lehrauftrag für Tibetisch betraut, 1952 zum Professor und 1960 zum Professor mit Lehrstuhl für Tibetologie ernannt. Damit war er der damals einzige Professor für Tibetologie weltweit.
1951 wurde das Ostasiatische Seminar in das Ostasiatische Institut umgewandelt. Es erfolgte eine umfassende Erweiterung der sinologischen Lehrgegenstände. Neben klassischer Sprache und Textphilologie wurden chinesische Geschichte, Kunstgeschichte, Religion, Philosophie, Geographie und moderne Literatur gelehrt. Zunehmend erhielten das moderne China, seine Sprache und seine gesellschaftlichen Wandlungsprozesse stärkeres Gewicht in der Leipziger sinologischen Lehre und Forschung. Nachdem die Entwicklung zunächst durch den Tod von Erkes im Jahre 1958 unterbrochen wurde, setzte sich in den 60er Jahren die Orientierung auf thematische Breite in der Leipziger Sinologie fort. Kennzeichnend wird jetzt die Entwicklung von theoretischen und methodischen Beziehungen zu anderen Wissenschaften, besonders zu Geschichte, Philosophie und Ökonomie, aber auch zur allgemeinen Sprachwissenschaft. Das Ostasiatische Institut wird in dieser Zeit von dem Tibetologen Johannes Schubert und nach dessen Emeritierung ab 1966 von dem Sinologen Fritz Gruner geleitet.
Entsprechend der Doppelqualifizierung der Mitarbeiter gestaltete sich die sinologische Lehre zunehmend komplexer. Kennzeichnend für diese Entwicklungsphase sind u.a. folgende Publikationen:

Piasek, Martin, Chinesisch-deutsches Wörterbuch, Leipzig, 1961;
Felber, Roland, Die Entwicklung der Austauschverhältnisse im alten China vom des Ende 8.Jh. bis zum Beginn des 5. Jh.v.u.Z. (Zuo-Zhuan-Periode);
Lewin, Günter, Die ersten 50 Jahre der Song-Dynastie in China: Beitrag zu einer Analyse der sozialökonomischen Formation während der ersten 50 Jahre der chinesischen Song-Dynastie (960 – ca. 1010), Berlin, 1973;
Moritz, Ralf, Hui Shi und die Entwicklung des philosophischen Denkens im alten China, Berlin, 1973.

Die Komplexität der Leipziger Sinologie in den 60er Jahren zeigt sich besonders im Wirken von Fritz Gruner (chinesische Literatur), Roland Felber (Geschichte Chinas), Günter Lewin (chinesische Sozialgeschichte), Horst Klausing (Geographie Chinas), Martin Piasek, Manfred Reichardt und Eberhard Heyn (modernes Chinesisch), Ralf Moritz (chinesische Philosophie) sowie von Richard Oberländer und Brigitte Scheibner (Ökonomie Chinas). Darüber hinaus war für diese Zeit kennzeichnend, dass sich die Sinologie am Leipziger Ostasiatischen Institut in der Interdisziplinarität entwickelte, dies im engen Verbund mit anderen am Institut angesiedelten asienwissenschaftlichen Disziplinen, so der Koreanistik (Ingeborg Göthel), der Burmanistik (Eberhardt Richter, Annemarie Esche, Klaus Starker), der Vietnamistik (Wilfried Lulei), der Khmeristik (Rüdiger Gaudes), der Mongolistik und Tibetologie (Johannes Schubert, Manfred und Erika Taube), später auch der Indonesistik (Erich-Dieter Krause).
Ende der 60er Jahre wurde unter Missachtung der großen Traditionen der Leipziger Sinologie die politische Entscheidung getroffen, die Asienwissenschaften in der DDR an der Humboldt-Universität Berlin zu konzentrieren. Im Zuge der Dritten Hochschulreform der DDR mussten ab 1968/69 viele Mitarbeiter nach Berlin wechseln. Die studentische Ausbildung war vorübergehend eingestellt. Wie alle Universitätsinstitute wurde das Ostasiatische Institut 1969 aufgelöst. Die verbliebenen Mitarbeiter waren in einem Bereich Süd- und Ostasien der neu gegründeten Sektion Afrika-/Nahostwissenschaften zusammengefasst, der zunächst von der Indologin Margot Gatzlaff, ab 1976 von dem Burmanisten Eberhardt Richter und ab 1988 von dem Sinologen Ralf Moritz geleitet wurde.
Im April 1976 wird eine Vereinbarung über die wissenschaftliche Zusammenarbeit der Sektionen Asienwissenschaften an der HU Berlin und der Sektion Afrika- und Nahostwissenschaften geschlossen, Leipziger Wissenschaftler lehren daher in Berlin.

1984–2009
Erst 1984 wurde erneut ein Lehrstuhl für Sinologie eingerichtet und mit Ralf Moritz (*1941) besetzt, der sich mit der Geschichte des Konfuzianismus und der Philosophie Chinas befasst. Nach der friedlichen Revolution konnte ab 1990 wieder Sinologie im Hauptfach studiert werden. 1992 erfolgte die Besetzung einer zweiten Professur für Moderne Sinologie (Rainer von Franz). Im Jahr darauf wurde das Ostasiatische Institut erneut gegründet und 1996 der Lehrstuhl für Japanologie unter Steffi Richter (*1956) eingerichtet. Neben Sinologie und Japanologie war weiterhin die Indonesistik mit einer außerplanmäßigen Professur (Erich-Dieter Krause) vertreten. Seit 1998 geben Ralf Moritz und Steffi Richter zusammen mit der Hallenser Japanologin Gesine Foljanty-Jost die Leipziger Ostasien-Studien (vormals Mitteldeutsche Studien zu Ostasien) heraus. Mit der Emeritierung Prof. Krauses im Jahr 2000 wurde die Indonesistik eingestellt. Nach der Emeritierung von Ralf Moritz und Rainer von Franz folgte Philip Clart (*1963) 2008 auf den Lehrstuhl „Kultur und Geschichte Chinas“, und Stefan Kramer (*1966) übernahm 2009 die Professur für Gesellschaft Chinas.
Im Wintersemester 2009/10 umfasst das Ostasiatische Institut in der kürzlich renovierten Schillerstrasse 6 insgesamt 419 Studierende, davon 212 in der Japanologie und 207 in der Sinologie. Es bestehen Partnerschaften mit der Renmin Universität in Peking, der Hong Kong Baptist University und dem Wenzao Ursuline College of Languages in Taiwan. In Kooperation mit dem Chinesischen Bildungsministerium, der Universität Leipzig und der Renmin Universität wurde im April 2008 das Konfuzius-Institut Leipzig eröffnet, als dessen deutscher Direktor zunächst Ralf Moritz, später Philip Clart fungiert. Es ist damit das einzige Institut seiner Art in den Neuen Bundesländern und bemüht sich um die Verbreitung der chinesischen Kultur und Sprache.
Es gibt heute in Leipzig viele weitere Verknüpfungen mit China in Kultur, Wirtschaft und Wissenschaft. So engagiert sich der Deutsch Chinesische Freundschaftsverein (DCF) (http://www.dcfev.de/kontakt.html) und das Deutsch-Chinesische Zentrum Leipzig (DCZL) (http://www.hhl.de/de/lehre-forschung/zentren/dczl/) in der Entwicklung und Festigung deutsch-chinesischer Beziehungen. Die Tochter der Leipziger Messe MaxicoM GmbH leistet als Projekt des Freistaates Sachsen und der Stadt Leipzig mit einer eigenen China-Abteilung Hilfestellung bei der Ansiedlung chinesischer Firmen in Leipzig. Die Chinesische Studentenunion Leipzig versucht seit 1997 die ca. 800 chinesischen Studierenden in Leipzig aktiv im alltäglichen Leben zu unterstützen und ihnen eine Stimme zu geben. Im November 2009 eröffnet der deutsch- und chinesischsprachige Konfuzius-Kindergarten in der Lößniger Straße seine Türen für 155 Kinder. Er kooperiert mit dem Kindergarten der Renmin Universität und der Fachschule für Kleinkindpädagogik in Peking.

Quellen:
Materialien zur Ausstellung Sinologie in Leipzig 1848-2009. Das Interesse am Fernen Osten in der Messestadt im Konfuzius-Institut Leipzig, 2.11.2009 – 25.02.2010.

Weiterführende Literatur:
Leibfried, Christina, Sinologie an der Universität Leipzig. Entstehung und Wirken des Ostasiatischen Seminars 1878 – 1947, Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt, 2003.