Eduard Erkes

(1891-1958)

Eduard Erkes studierte in Bonn Geologie und Geographie, anschließend Geschichte und Germanistik. Ab 1911 bis Ende 1915 studierte er in Leipzig Sinologie, allgemeine Linguistik, Kulturgeschichte und Völkerkunde unter anderem bei Conrady und Lamprecht. 1912 unternahm er eine private Studienreise nach China und Japan. Erkes promovierte Anfang 1913 bei Conrady, Weule und Lamprecht mit einer sinologisch-volkskundlichen Arbeit über die Schrift „Das Zurückrufen der Seele“ („Chao-kun“) von Sung Yü und habilitierte sich 1917 mit der Arbeit „Das Weltbild des Philosophen Huai-nan-tze“. Mitte 1917 erhielt er die venia legendi für Chinesisch. Diese Lehrerlaubnis versuchte Erkes 1919 vergeblich auf eine venia legendi für Sinologie und Vergleichende Religionswissenschaft zu erweitern. Ab 1917/18 bot Eduard Erkes, der 1916 Conradys Schwiegersohn geworden war, sinologische Lehrveranstaltungen an. Erkes spezialisierte sich auf chinesische Philosophie, altchinesische Religion, chinesische Paläographie, klassisches Chinesisch und chinesische Kunst. Vor 1933 gehörte er der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft und dem Leipziger Verein für Völkerkunde an. Von 1913 bis 1933 war Erkes am Leipziger Museum für Völkerkunde, bis 1921 als Assistent, dann als Kustos tätig. Er unternahm 1931/32 eine lange Expedition im Auftrag des Museums für Völkerkunde nach China. Unterstützt wird er von Chengyü Chou (Zhou Zhengyu), von 1929 bis Mitte 1934 wissenschaftliche Hilfskraft am Seminar und ab 1935 Dozent für deutsche Literatur und Kultur an der Universität in Kanton. Das während der Expedition angekaufte Material wurde von Erkes verzeichnet und bildet bis heute einen Teil der ostasiatischen Sammlung des Museums. Zwei weitere längere Reisen nach China folgten in den 50er Jahren.

Erkes trat 1919 in die SPD ein. Er veröffentlichte mehrere populärwissenschaftliche Artikel in SPD-nahen Zeitungen, was zu heftigen, auch fachlichen Kontroversen führte. Er stieß mit seinen atheistisch-sozialistischen Veröffentlichungen auf wenig Gegenliebe im eher national-konservativen akademischen Milieu. Ein erster Antrag zur Ernennung zum nichtplanmäßigen Extraordinarius wurde durch die Fakultät 1925 abgelehnt, erst 1928 wurde er berufen. Am Umgang mit dem SPD-Mitglied Eduard Erkes zeigt sich die Auswirkung der NS-Politik auf die Sinologie: Erkes wurde 1933 durch den Generaldirektor der Berliner Museen, den Kunsthistoriker Otto Kümmel (1874–1952), denunziert. Daraufhin entzog man ihm wegen politischer Unzuverlässigkeit nach § 4 des NS-Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums am 28. August 1933 die Lehrbefugnis an der Universität. Erkes verlor wenig später die Stellung als Kustos beim Leipziger Völkerkundemuseum, und damit beide Einkommen. Gleichzeitig erhielt er ein Rede- und Publikationsverbot.
Dennoch konnte er über die Vermittlung von Freunden in ausländischen Fachzeitschriften wie der „T’oung Pao“, der „Sinica“ oder „Artibus Asiae“ veröffentlichen. Auch seine Frau, die als Malerin und Graphikerin arbeitet, unterlag einem Berufsverbot. Nach Entzug der venia legendi war Erkes ohne Anstellung und lebte als Privatgelehrter mit äußerst geringem Einkommen. Im März 1943 meldete sich Erkes zwecks Wiedereinstellung an der Universität, stattdessen wurde er als Buchhandlungsgehilfe bei dem orientalistischen Verlag Otto Harrassowitz dienstverpflichtet.

Erkes konnte noch einige Manuskripte Conradys auswerten bzw. posthum herausgeben. Besonders inspirierten ihn die Vorarbeiten zu einem chinesischen paläographischen Wörterbuch, welches er lebenslang fortführen sollte. Nach Kriegsende wurde Erkes am 1. Juli 1945 erneut Kustos und sogar kommissarischer Direktor des Museums für Völkerkunde. Im Juni 1945 wurde Eduard Erkes die ihm 1933 entzogene venia legendi wieder verliehen und er wurde erneut zum außerplanmäßigen Professor für Chinesisch ernannt. 1947 erfolgte seine Berufung zum Direktor des Ostasiatischen Seminars und zum planmäßigen außerordentlichen Professor für ostasiatische Philologie. 1948 wurde Erkes Ordinarius und 1950 als Mitglied der Sächsischen Akademie der Wissenschaften berufen.

Wichtige Veröffentlichung sind neben „Das Weltbild des Huai-nan-tze“ (1917) seine Arbeiten auf den Bereichen Geschichte, Religion, Kunst und Volkskunde Chinas, in denen sich sein breites wissenschaftliches Interesse deutlich macht: seine Arbeit zum Kommentar Heshanggongs zu Laozi (1948/50), die Studien zum „Gestaltwandel der Götter in China“ (1947) und „Neue Beiträge zur Geschichte des Chou-Königs Yü“ (1954). Die Ausweitung seines wissenschaftlichen Interesses auf Geschichte, Sozialwissenschaften und Wirtschaftsgeschichte dokumentieren die 1952 erschienene Arbeit „Das Problem der Sklaverei in China“ sowie die Monographie „Geschichte Chinas von den Anfängen bis zum Eindringen des ausländischen Kapitals“, die 1956 erschien.

In Erkes’ Schaffen manifestiert sich eine bestimmte Entwicklungslinie der deutschen Sinologie. Es zeigt sich bei ihm die allgemeine Erweiterung des sinologischen Horizontes über das rein Philologische hinaus, die unter dem Einfluss der Conrady-Schule entstanden war, sowie die weitergehende Hinwendung des sinologischen Gedankens zur allgemeinen Geschichte Chinas und zu sozialwissenschaftlicher Problematik.