Hans Georg Conon von der Gabelentz

(1840–1893)

Die Berufung von der Gabelentz’ zum außerordentlichen Professor für ostasiatische Sprachen am 1. Juli 1878 bezeichnet den institutionellen Beginn der Sinologie an der Universität Leipzig. Mit dieser Berufung wurde zugleich die erste sinologische Professur an einer deutschen Universität begründet. Zwar gab es schon früher vereinzelt Gelehrte, die sich mit der chinesischen Sprache beschäftigten, doch waren sie entweder nicht an eine Universität berufen worden oder sie lehrten neben ihrem eigentlichen Berufungsauftrag Chinesisch.

Hans Georg Conon von der Gabelentz entstammt einer kulturell und intellektuell vielseitig interessierten Familie. Bereits sein Vater Hans Conon von der Gabelentz (1807-1874) war neben seiner Tätigkeit als hoher Beamter des Herzogtums Sachsen-Altenburg ein bekannter Linguist und Sprachforscher, der sich mit über 80 Sprachen beschäftigte. Er begründete u.a. zusammen mit Leipziger Professoren der Orientalistik 1845 die Deutsche Morgenländische Gesellschaft, deren Zeitschrift zu einem wichtigen, bis heute bestehenden Publikationsorgan der Orientalistik wurde. Hans Conon von der Gabelentz gab zusammen mit seinem Freund Dr. Julius Löbe (1805-1900) als erster die gotische Ulfila-Bibel heraus und verfasste 1832 die mandschurische Grammatik in französischer Sprache. So hatte Gabelentz bereits als Jugendlicher sachkundige Anleitung und Zugriff auf die polyglotte Bibliothek seines Vaters auf Schloss Poschwitz. Bereits mit 17 begann er das Studium des Chinesischen und beherrschte 1869 neben Japanisch einige indogermanische, finnougrische, sinotibetische und malaiisch-polynesische Sprachen. 1860 bis 1864 studierte er in Jena Jura, um dann als Jurist in den sächsischen Verwaltungsdienst einzutreten. Parallel arbeitete er an seiner 1876 in Leipzig erfolgten Promotion zum „Taijitu“ („Tafel des Urprinzips“) des songzeitlichen Philosophen Zhou Dunyi (1017-1073).

Im selben Jahr schickte er seine Initiativbewerbung an das Dresdner Ministerium, die Eingabe, eine “Professur der chinesischen, japanischen und mandschurischen Sprachen an der Universität Leipzig” zu errichten und mit ihm zu besetzen. Nach einem positiven Gutachten der Philosophischen Fakultät unter der Leitung des Arabisten Heinrich Leberecht Fleischer (1801-1888) dauerte es jedoch noch bis zum 21. Juni 1878, bis das Ministerium ihn zum außerordentlichen Professor der ostasiatischen Sprachen ernannte. Neben Chinesisch und Japanisch sollte Georg von der Gabelentz Mandschurisch, Malaiisch, tibetische und mongolische Grammatik sowie allgemeine und vergleichende Linguistik lehren. Kennzeichnend für seine weltoffene Erziehung und Einstellung war seine Hochschätzung und Achtung der chinesischen Kultur in einer Zeit, in der sie in der landläufigen Meinung oft als stagnierend und unterlegen bewertet wurde.

1881 erschien von der Gabelentz’ sinologisches Hauptwerk, die “Chinesische Grammatik mit Ausschluss des niederen Stiles und der Umgangssprache”, die als erste Grammatik überhaupt die chinesische Sprache unabhängig von den grammatikalischen Mustern des Lateinischen darstellte. Doch auch in der allgemeinen und vergleichenden Sprachwissenschaft leistete Gabelentz Hervorragendes. 1891 veröffentlichte er sein zweites Hauptwerk, “Die Sprachwissenschaft, ihre Aufgaben, Methoden und bisherigen Ergebnisse”. Der Einfluss der “Sprachwissenschaft” auf Ferdinand de Saussures’ “Cours de linguistique générale” bleibt unter Linguisten umstritten. Doch unabhängig von dieser spezifischen Diskussion erlebte die “Sprachwissenschaft” 1995 ihre bisher letzte Neuauflage. Auf linguistischem Gebiet beschränkte sich Gabelentz keineswegs auf die ostasiatischen Sprachen. Aufgrund seiner vielfältigen Sprachkenntnisse verschiedenster, u.a. indogermanischer, finnougrischer, sinotibetischer, malaiisch-polynesischer Sprachen konnte er sich den Verwandschaftsverhältnissen der Sprachen und der Syntaxforschung widmen. Dadurch konnte er über die damals vorherrschende Indogermanistik und ihre Fixierung auf die flektierenden indogermanischen Sprachen hinausgehen und agglutinierende oder isolierende Sprachen und ihre Syntax erforschen. Trotz eventueller Gegensätze zur Leipziger Schule der “Junggrammatiker” um Karl Brugmann (1849-1919) setzte die Philosophische Fakultät 1882 “in Anerkennung seiner wissenschaftlichen Verdienste” die Ernennung Gabelentz’ zum ordentlichen Honorarprofessor durch. Doch erst nach seiner Berufung nach Berlin zum Wintersemester 1889/1890 sollte er zum Ordinarius ernannt werden. Die Berufung auf den neuerrichteten Lehrstuhl der Ostasiatischen Sprachen und der allgemeinen Sprachwissenschaft erfolgte auf Betreiben des führenden preußischen Beamten für akademische Angelegenheiten, Friedrich Theodor Althoff (1839-1908), und war mit der finanziellen Förderung durch und der Aufnahme von Gabelentz in die Preußische Akademie der Wissenschaften am 27. Juni 1889 verbunden.

In Berlin wandte er sich vermehrt der Linguistik zu, doch blieben ihm dort nur wenige Jahre der Forschung und Lehre. Erst 53-jährig verstarb Gabelentz am 11. Dezember 1893. Zwar bildete er trotz der Rezeption seiner sinologischen wie sprachwissenschaftlichen Werke aufgrund seines frühen Todes keine eigene Schule aus. Doch promovierte oder habilitierte er allein in seiner Leipziger Zeit viele bedeutende Ostasienforscher wie die späteren Professoren der Sinologie Wilhelm Grube (1855-1908), J. J. M. De Groot (1854-1921), Arthur von Rosthorn (1862-1945), den ersten deutschen Professor der Japanologie, Karl Florenz (1865-1939), aber auch den Archäologen Max Uhle (1856-1944), den Tibetologen Heinrich Wenzel und den Kunstwissenschaftler F. W. K. Müller (1863-1930).