1889-1945
Im Jahre 1889 erfolgte von der Gabelentz’ Berufung nach Berlin. Die Benennung seines Nachfolgers August Conrady (1864-1925) geschah erst 1897. 1922 wurde Conrady zum ordentlichen Professor (Ordinarius) berufen, womit in Leipzig der dritte sinologische Lehrstuhl Deutschlands nach Hamburg (1909) und Berlin (1912) eingerichtet wurde. Das Ostasiatische Seminar der Universität Leipzig war bereits 1914 gegründet worden. Das Verdienst von Conrady bestand vor allem darin, die Sinologie über den sprachlichen Rahmen hinausgehend als eine Wissenschaft von der Kultur der Chinesen aufgefasst und betrieben zu haben. Der berühmte schwedische Asienforscher Sven Hedin vertraute Conrady die Bearbeitung wichtiger Expeditionsfunde an. Außerdem betreute Conrady die Habilitation des bekannten schwedischen Sinologen Bernhard Karlgren (1889-1978).
Erich Haenisch (1860-1966) folgte im Jahre 1925 auf den Leipziger sinologischen Lehrstuhl und wurde bereits 1932 nach Berlin berufen. Als eines seiner bedeutendsten Werke gilt das Lehrbuch „Lehrgang der chinesischen Schriftsprache“, das 1929-1933 erschien und mehrmals neu aufgelegt wurde.
Zwischen 1928 und 1933 wirkte Eduard Erkes (1891-1958) als nichtplanmäßiger außerordentlicher Professor in Leipzig. Nach Errichtung der nationalsozialistischen Herrschaft 1933 erfolgte seine Entlassung aus politischen Gründen. Andre Wedemeyer (1875-1958), seit 1931 nicht-planmäßiger außerordentlicher Professor für Japanologie, wurde 1934 zum planmäßigen außerordentlichen Professor der ostasiatischen Philologie und zum Direktor des Ostasiatischen Seminars berufen. Seine Emeritierung wurde aufgrund der politischen Situation und des Kriegsbeginns 1939 hinausgeschoben, so dass er das Ostasiatische Seminar bis zum Kriegsende leitete. Trotz seines hohen Alters hielt Wedemeyer zahlreiche Veranstaltungen zu japanologischen und sinologischen Themen ab. Der Ausbruch des 2. Weltkrieges am 1. September 1939 beeinträchtigte den Lehr- und Forschungsbetrieb des Ostasiatischen Seminars. Die Anzahl der Studierenden verringerte sich, weil viele von ihnen zur Wehrmacht eingezogen wurden, und der Haushalt des Seminars wurde sehr niedrig gehalten.
In der Nacht vom 3. auf den 4. Dezember 1943 wurden das Ostasiatische Seminar und seine ca. 20,000 Bände umfassende Bibliothek durch alliierte Bombenangriffe zerstört. Daraufhin stellte Wedemeyer aus den erhaltenen Resten seiner privaten Bibliothek und der Seminarbibliothek einen spärlichen Arbeitsapparat zusammen und führte den Unterricht über die ersten schweren Nachkriegsjahre in seiner eigenen Wohnung fort. 1947 wurde er emeritiert und Eduard Erkes zum Direktor des Ostasiatischen Seminars sowie 1948 zum ordentlichen Professor für ostasiatische Philologie berufen. Bei allen wissenschaftlichen Leistungen dürfte eines der größten Verdienste Erkes’ darin bestehen, nach der Katastrophe des 2. Weltkrieges sinologische Lehre und Forschung an der Leipziger Universität neu aufgebaut und damit in der historischen Perspektive bewahrt zu haben.

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