1945-1984
Der Bestand der ehemals üppigen Seminarbibliothek umfasste aufgrund der Kriegsverluste 1950 nur noch ca. 1.000 chinesischsprachige und etwa 500 europäische Bände. Eduard Erkes trat für eine Erweiterung des Leipziger Ostasiatischen Seminars um verschiedene südost- und ostasiatische Sprachen und Kulturen ein und konnte dies zunächst auch partiell durchführen. Im Jahr 1950 wurde Johannes Schubert mit einem Lehrauftrag für Tibetisch betraut, 1952 zum Professor und 1960 zum Professor mit Lehrstuhl für Tibetologie ernannt. Damit war er der damals einzige Professor für Tibetologie weltweit.
1951 wurde das Ostasiatische Seminar in das Ostasiatische Institut umgewandelt. Es erfolgte eine umfassende Erweiterung der sinologischen Lehrgegenstände. Neben klassischer Sprache und Textphilologie wurden chinesische Geschichte, Kunstgeschichte, Religion, Philosophie, Geographie und moderne Literatur gelehrt. Zunehmend erhielten das moderne China, seine Sprache und seine gesellschaftlichen Wandlungsprozesse stärkeres Gewicht in der Leipziger sinologischen Lehre und Forschung. Nachdem die Entwicklung zunächst durch den Tod von Erkes im Jahre 1958 unterbrochen wurde, setzte sich in den 60er Jahren die Orientierung auf thematische Breite in der Leipziger Sinologie fort. Kennzeichnend wird jetzt die Entwicklung von theoretischen und methodischen Beziehungen zu anderen Wissenschaften, besonders zu Geschichte, Philosophie und Ökonomie, aber auch zur allgemeinen Sprachwissenschaft. Das Ostasiatische Institut wird in dieser Zeit von dem Tibetologen Johannes Schubert und nach dessen Emeritierung ab 1966 von dem Sinologen Fritz Gruner geleitet.
Entsprechend der Doppelqualifizierung der Mitarbeiter gestaltete sich die sinologische Lehre zunehmend komplexer. Kennzeichnend für diese Entwicklungsphase sind u.a. folgende Publikationen:

Piasek, Martin, Chinesisch-deutsches Wörterbuch, Leipzig, 1961;
Felber, Roland, Die Entwicklung der Austauschverhältnisse im alten China vom des Ende 8.Jh. bis zum Beginn des 5. Jh.v.u.Z. (Zuo-Zhuan-Periode);
Lewin, Günter, Die ersten 50 Jahre der Song-Dynastie in China: Beitrag zu einer Analyse der sozialökonomischen Formation während der ersten 50 Jahre der chinesischen Song-Dynastie (960 – ca. 1010), Berlin, 1973;
Moritz, Ralf, Hui Shi und die Entwicklung des philosophischen Denkens im alten China, Berlin, 1973.

Die Komplexität der Leipziger Sinologie in den 60er Jahren zeigt sich besonders im Wirken von Fritz Gruner (chinesische Literatur), Roland Felber (Geschichte Chinas), Günter Lewin (chinesische Sozialgeschichte), Horst Klausing (Geographie Chinas), Martin Piasek, Manfred Reichardt und Eberhard Heyn (modernes Chinesisch), Ralf Moritz (chinesische Philosophie) sowie von Richard Oberländer und Brigitte Scheibner (Ökonomie Chinas). Darüber hinaus war für diese Zeit kennzeichnend, dass sich die Sinologie am Leipziger Ostasiatischen Institut in der Interdisziplinarität entwickelte, dies im engen Verbund mit anderen am Institut angesiedelten asienwissenschaftlichen Disziplinen, so der Koreanistik (Ingeborg Göthel), der Burmanistik (Eberhardt Richter, Annemarie Esche, Klaus Starker), der Vietnamistik (Wilfried Lulei), der Khmeristik (Rüdiger Gaudes), der Mongolistik und Tibetologie (Johannes Schubert, Manfred und Erika Taube), später auch der Indonesistik (Erich-Dieter Krause).
Ende der 60er Jahre wurde unter Missachtung der großen Traditionen der Leipziger Sinologie die politische Entscheidung getroffen, die Asienwissenschaften in der DDR an der Humboldt-Universität Berlin zu konzentrieren. Im Zuge der Dritten Hochschulreform der DDR mussten ab 1968/69 viele Mitarbeiter nach Berlin wechseln. Die studentische Ausbildung war vorübergehend eingestellt. Wie alle Universitätsinstitute wurde das Ostasiatische Institut 1969 aufgelöst. Die verbliebenen Mitarbeiter waren in einem Bereich Süd- und Ostasien der neu gegründeten Sektion Afrika-/Nahostwissenschaften zusammengefasst, der zunächst von der Indologin Margot Gatzlaff, ab 1976 von dem Burmanisten Eberhardt Richter und ab 1988 von dem Sinologen Ralf Moritz geleitet wurde.
Im April 1976 wird eine Vereinbarung über die wissenschaftliche Zusammenarbeit der Sektionen Asienwissenschaften an der HU Berlin und der Sektion Afrika- und Nahostwissenschaften geschlossen, Leipziger Wissenschaftler lehren daher in Berlin.

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