August Conrady

(1864-1925)


Nach dem Tode von der Gabelentz’ blieb die Professur der ostasiatischen Sprachen zunächst aus Mangel an geeignetem Nachwuchs vakant. Seit 1892 lehrte August Conrady (1864-1925) in Leipzig als Privatdozent indische Sprachen und Tibetisch, ab 1895 indische und ostasiatische Sprachen. 1897 wurde er zum außerordentlichen Professor ernannt. Conrady führte das Erbe Georg von der Gabelentz’, das Beharren auf streng wissenschaftlicher Methodik sowie seine liberal-weltoffene Einstellung, fort. Die Sinologie an der Universität Leipzig, die unter Gabelentz sprachwissenschaftlich-textkritisch ausgerichtet war, entwickelte sich unter August Conrady (1864–1925) – ab etwa 1911 – zu der international vernetzten „Leipziger Schule“. Sie übernahm sprachgeschichtliche und -wissenschaftliche Fragestellungen, arbeitete aber auch religionswissenschaftlich und völkerkundlich und erweiterte das Fach unter dem Einfluss Karl Lamprechts (1856-1915) zur allgemeinen Kulturwissenschaft Chinas. Ihr Publikationsorgan war ab 1923 die Zeitschrift „Asia Major“ um Bruno Schindler (1882–1964).
Nach dem Studium in klassischer Philologie, Sanskrit und vergleichender Sprachwissenschaft promovierte Conrady 1886 in Würzburg im Bereich der Indologie über die „Fünfzehn Blätter einer nepalesischen Palmblatt-Handschrift des Narada“. 1891 beantragte er in Leipzig seine Habilitation in dem Hauptfach Sanskrit und den Nebenfächern Tibetisch und Buddhismus und verlagerte wenig später den Schwerpunkt seiner akademischen Tätigkeit auf das Chinesische. Im Jahr 1903 plante Conrady, für drei Jahre als Lehrer der deutschen Sprache und Literatur an die staatliche Hochschule in Peking zu gehen, doch nach acht Monaten brach er den Aufenthalt aus familiären Gründen ab. Er vertrat nach seiner Rückkehr eine weit positivere Haltung zu China als es in der landläufigen deutschen Öffentlichkeit nach dem Boxeraufstand der Fall war.
Conrady postulierte die Eigenständigkeit der Entstehung und Kultur Chinas. 1910 verfasste er für die Weltgeschichte des Ullstein-Verlages eine der ersten Gesamtdarstellungen der Geschichte Chinas auf der Basis der Bearbeitung chinesischer Quellen.
Da sich der einflussreiche Historiker Karl Lamprecht (1856–1915) für die Kulturen Ostasiens und vor allem für japanische Geschichte interessierte, wurde im Jahr 1906 an dessen Seminar für Kultur- und Universalgeschichte eine Ostasiatische Abteilung eingerichtet und über Karl Florenz in Tokio Bibliotheksbestände in verschiedenen ostasiatischen Sprachen beschafft. Mit der Gründung des Ostasiatischen Seminars am 18. Mai 1914 an der Universität Leipzig – welche ebenfalls durch Lamprecht gefördert wurde – gelang die Institutionalisierung der Ostasienwissenschaften in eigenständigen Fachbereichen.
Lamprecht übergab seine ostasiatischen Buchbestände in den Besitz des Seminars. Die Universitätsbibliothek überließ dem neu gegründete Seminar Teile der Bibliothek des 1908 verstorbenen Berliner Professors Wilhelm Grube und der Kunsthistoriker Oskar Münsterberg (1865-1920) übergab dem Seminar leihweise seine Sammlung von etwa 8000 japanischen und chinesischen Kunstblättern.
August Conrady bot bereits ab 1892 indische und tibeto-birmanische Sprachen, später auch Lehrveranstaltungen zum Chinesischen an und wurde schließlich Privatdozent für ostasiatische Sprachen. Doch seine Ernennung zum Ordinarius erfolgte vermutlich aufgrund des ersten Weltkrieges und den daraus folgenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten erst 1922. Die Breite an Forschungsinteressen findet sich in den hinterlassenen Manuskripten Conradys, die Bruno Schindler 1926 in der „Asia Major“ zusammenstellte, wieder. Dabei werden 390 Manuskripte aufgezählt, 59 zur Sprachwissenschaft, 69 zur chinesischen Grammatik, 88 zur chinesischen Literaturgeschichte, 16 zur Paläographie der chinesischen Schrift, 39 zur Religionsgeschichte, 14 zur Kunstgeschichte und 105 zur Geschichte und Kulturgeschichte.
„Die chinesischen Handschriften- und sonstigen Kleinfunde Sven Hedins in Lou-lan“ von 1920, ein Konvolut aus Brief- und Rechnungsfragmenten auf Papier, Holzstäbchen und Seide, die Conrady in mehrjähriger Arbeit entzifferte, sind sein bekanntestes Werk und bauen die Theorie der autochthonen chinesischen Kultur weiter aus. Nach Conradys frühem Tod 1925 konnten nur wenige seiner Schriften veröffentlicht werden. Bruno Schindler nahm bei seiner Emigration den Nachlass Conradys mit nach London, der dann bei einem Luftangriff zerstört wurde, nur ein kleiner Teil verblieb in Leipzig. Da Conradys wenige Publikationen diskutierenswerte neue Thesen zur Sprachforschung, zur chinesischen Geschichte, Kultur- und Religionsgeschichte bringen, lässt sich der Verlust, den die Leipziger Schule durch die Nichtveröffentlichung seiner Manuskripte erlitten hat, nur ahnen.
Bruno Schindler promovierte 1919 bei Conrady über „Das Priestertum im alten China“ und gründete 1923 die Zeitschrift „Asia Major“. Denn durch den Ersten Weltkrieg stand die wichtige französische sinologische Zeitschrift „T’oung Pao“ deutschen Sinologen nicht länger offen. Andere deutschsprachige Zeitschriften hatten nicht genügend Kapazitäten und die „Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft“ (ZDMG) berücksichtigte weder Ost- noch Zentralasien.
Bis 1935 erschienen zehn Jahrgänge der „Asia Major“. Dann musste Schindler aufgrund seiner jüdischen Abstammung nach Großbritannien emigrieren, sein Verlag wurde 1936 liquidiert. Erich Haenisch erhob zwar während der NS-Zeit öffentlich das Wort, um seinem „tiefen Bedauern über das Ausscheiden Schindlers Ausdruck zu geben“, doch trotz aller Zivilcourage konnte er sich nicht damit durchsetzen, den Abonnenten den noch ausstehenden Band des 10. Jahrganges nachliefern zu lassen. Nach dem Krieg gelang es Schindler 1949 die „Asia Major“ in London erneut zu verlegen. 1975 wurde ihr Erscheinen aufgrund finanzieller Probleme eingestellt. Dennis Twitchett belebte sie mit einer anderen inhaltlichen Konzeption ab 1990 in Princeton wieder. Seit 1998 erscheint sie in Taiwan.
Obwohl die Leipziger Schule rund um August Conrady und die „Asia Major“ unter Sinologen umstritten blieb und Conrady sich zu Beginn des Ersten Weltkrieges propagandistisch für die deutschen Interessen in Ostasien einsetzte, war er international vernetzt. Seiner „Schule“ gehörten neben Bruno Schindler auch Conradys späterer Schwiegersohn und Nachfolger Eduard Erkes an, sowie der spätere Sanskrit-Ordinarius in Leipzig und Mitherausgeber der „Asia Major“ Friedrich Weller (1889–1980). Ebenso der Steyler Missionar Franz Xaver Biallas (1878-1936), der bis 1936 an der Katholischen Universität in Peking wirkte und dort 1934 die Zeitschrift „Monumenta Serica“ gründete. Bernhard Karlgren (1889–1978), schwedischer Sinologe, seit 1918 auf dem Göteborger Lehrstuhl für ostasiatische Sprachen und Kultur und 1939–59 Leiter des Museums für ostasiatische Kunst in Stockholm, promovierte und habilitierte sich 1915 bei Conrady. Weitere Promotionsschüler sind Gustav Haloun (1898–1951), der spätere Professor für Sinologie in Cambridge und Mitherausgeber der „Asia Major“, und der Österreicher Otto Johann Maenchen-Helfen (1894–1969), später Professor in Berkeley.