Erich Haenisch

(1880-1966)


Als Nachfolger Conradys wurde 1925 der Berliner Sinologe und Mongolist Erich Haenisch auf den Leipziger Lehrstuhl für ostasiatische Philologie berufen. Inhaltlich war Haenisch durch seine Vorliebe für die mongolische und mandschurische Geschichte und Sprache weniger auf das früh- oder vorzeitliche China ausgerichtet, als vielmehr auf die jüngeren Dynastien Ming und Qing. Er untersuchte auch die Rolle des Konfuzianismus. Haenisch war sehr an der Vermittlung des modernen Chinesisch interessiert und führte als wichtige Neuerung den Sprachunterricht durch einheimische Lektoren ein, die Konversation, Schreib- und Leseübungen abhielten. Als erster chinesischer Lektor wirkte der Student Wan Can (*1903) von 1926 bis Ende 1928 am Ostasiatischen Seminar. Außerdem erstellte Haenisch ein Lehrbuch „Lehrgang der chinesischen Schriftsprache“ (1929-33), um moderne Sprachkompetenz zu vermitteln. Es gilt neben der Rekonstruktion des mongolischen Urtextes der „Geheimen Geschichte der Mongolen“ als eines seiner bedeutendsten Werke und erschien in mehreren Auflagen. Haenisch promovierte 1904 am Seminar für Orientalische Sprachen in Berlin über „Die chinesische Redaktion des Sanang Setsen, Geschichte der Ostmongolen, im Vergleich mit dem mongolischen Urtext“. Daraufhin war er sechs Jahre als Lehrer an einer Militärschule in Wuchang und anschließend bis 1911 an der Hochschule von Changsha tätig. Er habilitierte sich 1913 bei De Groot in Berlin mit der Arbeit „Der Aufstand des Wu San-kuei aus dem Sheng-wu-ji übersetzt“. Seinen ersten Ruf erhielt er 1920 als außerordentlicher Professor für die chinesischen Kolonialsprachen, Mongolisch und Mandschurisch, an die Universität Berlin, wo er nach einer siebenjährigen Zwischenstation in Leipzig (1925-1932) 1932 als Nachfolger Otto Frankes auf den vakanten Lehrstuhl für Sinologie berufen wurde. Haenisch beherrschte neben Chinesisch und Mongolisch auch Mandschurisch, Westmongolisch und Osttürkisch und sah sich so in der Lage universal und polyglott zu forschen. Er trieb den Aufbau der Seminarbibliothek energisch voran und bereiste 1928 China und die Mongolei, wo er wertvolle Buchbestände ankaufte. Weltweiten Ruhm erlangte Haenisch durch seine bahnbrechenden Arbeiten zu der Geheimen Geschichte der Mongolen. 1937 legte er den aus der chinesischen Transkription rekonstruierten mongolischen Wortlaut des Textes vor.
Haenischs Interesse am Schicksal des Konfuzianismus in China resultierte ganz wesentlich aus den Erfahrungen, die er als unmittelbarer Zeuge des Untergangs des konfuzianischen Kaiserreichs machte. Die Konflikte, die viele konfuzianische Beamte in jener Zeit der Umwälzung durchlitten, inspirierten Haenisch zu Arbeiten wie „Die Rachepflicht, ein Widerstreit zwischen konfuzianischer Ethik und chinesischem Staatsgefühl“ (erschien 1931 in der Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft), „Die Heiligung des Vater- und Fürstennamens in China, ihre ethische Begründung und ihre Bedeutung in Leben und Schrifttum“ (1932) und „Der Treuebegriff in der konfuzianischen Ethik“ (1933). Auch Haenischs bekanntestes Werk, der „Lehrgang der chinesischen Schriftsprache“ (Bde. 1-3, 1. Auflage 1929/33; Bd. 4, 1957), resultierte aus der Beschäftigung des Autors mit dem Konfuzianismus, basierte es doch bewusst auf Schulbüchern vom Beginn des 20. Jahrhunderts, die die Wiederbelebung der traditionellen Lehre zum Ziel hatten. Wie untrennbar Wissenschaft und eigene Lebensführung in der Person Haenischs miteinander verknüpft waren, beweisen Arbeiten wie „Die Ehreninschrift für den Rebellengeneral Ts’ui Lih im Lichte konfuzianischer Moral“ (1944), in denen die Kritik am moralischen Verfall unter der Nazi-Diktatur deutlich zum Ausdruck kommt. Die letzten Jahre seiner Karriere, von 1946 bis 1952, verbrachte Haenisch an der Universität München, wo er ein neues Seminar aufbaute.