Taiwanische Religionsgemeinschaften und ihre Internationalisierungsstrategien (guojihua) seit den 1980er Jahren: Das Beispiel Yiguandao in Südafrika

Name: Nikolas Broy
Email: nikolas.broy [at] uni-leipzig.de
Thema: Taiwanische Religionsgemeinschaften und ihre Internationalisierungsstrategien (guojihua) seit den 1980er Jahren: Das Beispiel Yiguandao in Südafrika
Beschreibung:

Das Habilitationsprojekt ist dem Teilprojekt A03 „Taiwanische Religionsgemeinschaften und ihre Internationalisierungsstrategien (guojihua) seit den 1980er Jahren“ zugeordnet, welches seit Januar 2016 im Sonderforschungsbereich (SFB) 1199 „Verräumlichungsprozesse unter Globalisierungsbedingungen“ durchgeführt wird. Anhand des Beispiels der Yiguandao-Organisation untersucht das Projekt neue Raumformate, die von taiwanischen Religionsgemeinschaften unter den emischen Leitbegriffen „Internationalisierung“ (guojihua) und „Globalisierung“ (quanqiuhua) strategisch entwickelt werden und durch ihre Anwendung in der zielgerichteten Mission zur Entstehung neuer Raumordnungen führen. Yiguandao („Weg der Einheit“) ist eine im frühen 20. Jahrhundert auf dem chinesischen Festland entstandene Neue Religiöse Bewegung, die sich v.a. in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts zu einer der anhängerstärksten und einflussreichsten Religionsgemeinschaften Taiwans entwickeln konnte. Schon seit einigen Jahrzehnten expandiert Yiguandao zudem in Südostasien, aber auch über den asiatischen Raum hinaus.

Das Projekt geht von der Annahme aus, dass die Verbreitung taiwanischer religiösen Gruppen über ihre Ursprungsgesellschaft und -kultur hinaus zu einer neuen Orientierung und Hierarchisierung dieser Räume führt. Diese Verräumlichungsprozesse werden nicht nur von den betreffenden taiwanischen Zentralen aus vorgenommen, sondern erfolgen auch simultan durch lokale Akteure und Akteursgruppen in den einzelnen Zweigstellen. Infolge komplexer Aushandlungsprozesse zwischen zentralen und lokalen Akteuren kommt es aufgrund unterschiedlicher Interessen, Interpretationen und Zielsetzungen zur Entstehung neuer Raumordnungen, welche in Kontrast zu den zuvor eher territorial definierten Raumformaten und -ordnungen stehen können. Um diese Verräumlichungsprozesse zu erschließen, analysiert das Projekt drei grundlegende Aspekte der Internationalisierung von Yiguandao: Erstens, die Missionsstrategien, mit deren Hilfe die betreffenden Gemeinschaften versuchen, sich über ihren Ursprungsraum hinaus zu verbreiten und transnationale Organisationsstrukturen zu schaffen, zweitens, die Übersetzung von Doktrinen, Praktiken und Organisationsstrukturen für fremde soziokulturelle Kontexte, drittens, die damit zusammenhängenden Dynamiken von zentraler Steuerung und Dezentralisierung.

Das Habilitationsprojekt untersucht die kulturellen und räumlichen Muster dieser Strategien und ihrer Umsetzung am Beispiel der bislang nicht wissenschaftlich bearbeiteten Aktivitäten der Yiguandao-Bewegung in Südafrika. Nach bisherigen Erkenntnissen gilt Afrika als besonders erfolgversprechendes Tätigkeitsfeld, in welchem bislang die größte Resonanz außerhalb der ethnisch taiwanischen oder chinesischen Diaspora erzielt wurde. Somit muss hier vor Ort eine räumliche Internationalisierungsstrategie von einer kulturellen begleitet werden. Da Yiguandao allerdings gleichzeitig eine explizit chinesische kulturelle Identität betont, stellt Südafrika eine für die Forschung interessante und wertvolle Kulturkontaktsituation dar, die Anknüpfungspunkte an die momentan aufblühende wirtschafts- und politikwissenschaftliche „China in Afrika“-Forschung ermöglicht. Im historischen Vergleich mit Missionierungsprozessen verschiedener Religionsgemeinschaften soll gefragt werden, was an dem hier zu analysierenden Prozess der Internationalisierung (guojihua) spezifisch ist.

Literatur:

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Deeg, Max. 2005. “Zwischen kultureller Identität und universalem Heilsanspruch. Chinesische religiöse Diaspora-Gemeinden im Wandel moderner gesellschaftlicher Verhältnisse: Das Beispiel der ‘Mile-dadao (Yiguan-dao)‘- und ‚Foguang-shan‘-Gruppen in Wien”. In H. Lehmann (Hrsg.). Migration und Religion im Zeitalter der Globalisierung. Göttingen: Wallstein Verlag, 49-63.

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